"Ich musste mir das Vokabular selber erarbeiten"

 

Ich bin glücklich, Pfarrerin sein zu dürfen. Dass ich Menschen in allen möglichen Lebenssituationen begleiten darf. Diese grosse Freude bei einer Trauung. Der Stolz der Eltern, wenn das Kind beim Krippenspiel mitmacht. Aber auch die tiefe Trauer bei einer Beerdigung. Ja, selbst Beerdigungen mache ich gerne. Zeit ist Mangelware in unserer Gesellschaft – doch wir Pfarrpersonen versuchen, uns Zeit zu nehmen und da zu sein für die Menschen. Das wird sehr geschätzt.

Ursprünglich habe ich Mikrobiologie und Immunologie an der ETH studiert und arbeitete über zehn Jahre lang in der medizinischen Forschung. Ich kann gar nicht recht formulieren, was mir fehlte. Ich mochte meinen Job eigentlich gerne. Aber ich spürte, dass ich das nicht den Rest meines Lebens machen möchte. Ich glaube, es ist das Unterwegssein mit Menschen, das mich jetzt als Pfarrerin am meisten erfüllt.

Ich wurde zwar getauft, doch Religion spielte in meiner Kindheit keine grosse Rolle. Ich empfinde es als Privileg, dass ich den Glauben freiwillig und druckbefreit entdecken konnte. Prägend war das Konfirmationslager mit einem tollen Jugendleiter, der Antworten auf meine Fragen suchte.  

Den Gottesdienstbesucher:innen kommt es zugute, dass ich mir das theologische Vokabular selbst erarbeiten musste. In meinen Predigten werfe ich nicht mit theologischen Fachbegriffen um mich. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus ist es mir wichtig, dass die Verkündigung verständlich ist, nah bei den Leuten.  

Durch meinen angestammten Beruf und auch als Mutter bin ich es gewohnt, dass nichts fix ist, dass es immer Veränderungen gibt und man sich anpassen muss. Im Pfarrberuf ist meine Flexibilität eine grosse Ressource. Der Alltag ist sehr vielfältig, jede Woche sieht anders aus. Pfarrerin sein bedeutet für mich auch ein dauerndes Reflektieren, ein laufendes Dazulernen. Hier ist lebenslanges Lernen keine Floskel – und genau das mag ich!