Katharina Merian

Katharina Merian

Vor-Urteile verstehen

Theologie ist meine grosse Leidenschaft. Entdeckt habe ich sie ganz unverhofft. Es war ein Satz, der mich in der Vorlesung traf und entscheidend dazu beitrug, dass ich von Religionswissenschaft zu Theologie wechselte: „Vor-Urteile sind die Bedingung, um etwas verstehen zu können.“ Ich, die ich mit dem Christentum eigentlich nichts zu tun haben wollte, auch froh war, im Studium nicht Position beziehen zu müssen, begriff: Ich kann die Tradition nicht ignorieren, in der ich drinstehe. Sie ist der Ausgangspunkt meines Denkens.

Als ich meinen Eltern von meinem Wechsel zur Theologie erzählte, waren sie besorgt, ich sei plötzlich religiös geworden. Aber schon im ersten Seminar, das ich besuchte, bestätigte sich: Das ist es, wonach ich gesucht habe. Theologie bietet mir den Wortschatz für Dinge, die ich längst in mir drinnen habe. Ich lerne hier, die eigene Tradition kritisch zu reflektieren, mich darin zu verorten und mich dazu zu verhalten.

Dass ich mir inzwischen sogar vorstellen kann, Pfarrerin zu werden, hat viel damit zu tun, dass ich zwei Jahre an der kirchlichen Hochschule der Waldenser in Rom studiert habe. Das nahe Erleben dieser reformierten Minderheitskirche in Italien und die Auseinandersetzung damit hat mich stärker in meiner eigenen Tradition verankert. Ich habe eine Kirche kennengelernt, die für mich Sinn macht. Diese Kirche habe ich inzwischen auch hier gefunden. Zum Beispiel in der Offenen Kirche Elisabethen, in der ich mitarbeite. Kirche, die offen ist, in der die Leute aber trotzdem – oder erst recht – wissen, warum sie dazu gehören.