Evelyne Zinsstag

Evelyne Zinsstag

Evelyne Zinsstag

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Gemeinsam essen können

Ich habe mich immer dagegen gesträubt, indoktriniert zu werden. Ich liess mich sehr theatralisch nicht konfirmieren, nachdem ich den Konf-Unterricht besucht hatte. Ich war damals Atheistin und gegen alles Kirchliche – obwohl oder gerade weil meine Mutter Pfarrerin ist.

Ein Jahr später habe ich mich dann doch konfirmieren lassen. Ich merkte, dass die Kultur, in der ich aufgewachsen bin, durch und durch vom Christentum geprägt ist. Ich wollte den Dingen auf den Grund gehen und belegte am Gymnasium Latein, Griechisch und Hebräisch. Als ich merkte, dass das Griechisch des Lukas-Evangeliums im Vergleich zu einem Platon-Text so einfach ist wie Schweizerdeutsch, war mein Interesse an Theologie geweckt: Ich konnte die Bibel nun auf eigene Faust lesen – ohne mich auf die Übersetzungen anderer zu verlassen.

Im Theologiestudium will ich herausfinden, wie stark ich selber von evangelischen Werten geprägt bin. Ich probiere auch Dinge aus, die mir fremd sind, zum Beispiel ein Gruppengebet. Dennoch weiss ich nach wie vor nicht, welches mein authentisches Verhältnis zur Religion ist: Ist es der distanziert-religionswissenschaftliche Blick? Der interreligiöse Dialog? Oder gar das Evangelisieren?

Der Pfarrberuf ist eine Option unter vielen. Auch Kunst fasziniert mich, ich habe bereits Erfahrungen als Regieassistentin gemacht. Als Pfarrerin würde ich den Menschen wohl mitgeben, dass es im Christentum zunächst nicht um den Glauben an übernatürliche Dinge geht. Das Christentum ist eine prosaische Religion. Die Schwierigkeiten des Zusammenlebens stehen im Zentrum. Ob im Unser Vater oder beim Abendmahl: Erst einmal geht es darum, gemeinsam an einem Tisch sitzen und essen zu können – denn dann ist Frieden möglich.